Erlebnisbericht einer Outdoor-Eventteilnehmerin aus dem Buch Hochsaison – ein Alpenkrimi von Jörg Maurer; erschienen im Fischerverlag (ISBN 978-3-596-18653-2 www.joergmaurer.de )
Kapitel 18
Ilse Schmitz fluchte, sie war im Netz gelandet, knapp einen Meter über der tosenden Wasseroberfläche, und weil sie momentan niemand hören konnte, fluchte sie wie ein Oberammergauer Holzschnitzerlerhrling. Kreizkrutzifixalleluia war noch der druckbarste Fluch. Hier unten in der Höllentalklamm war es eisig kalt, wenn nicht bald jemand mit einer warmen Decke käme, würde sie sich einen derben Schnupfen holen, die nächsten drei Tage krank im Bett liegen, an wichtigen karrierefördernden Gesprächen nicht teilnehmen können, deshalb nicht in den mittleren Führungskreis aufsteigen, sich das Haus am Starnberger See nicht mehr leisten können – oder zumindest keinen neuen Winterwhirlpool einbauen lassen können. Beim Herunterstürzen hatte sie ihre schönen jungsteinzeitlichen Fell-Stilettos verloren, am meisten fror sie deshalb an den Füßen, sie fühlte, wie die Erkältung von dort aus ihren Anfang nahm und sich über die ganze restliche Ilse Schmitz ausbreitete. Gerade gestern war sie noch beim Friseur gewesen, jetzt war sie patschnass, und ihre spiralig herunterfallenden Locken (die Risikobereitschaft und Taffheit ausdrücken sollten, wie der Imageberater gesagt hatte) klebten ihr an der Backe.
Frau Ilse Schmitz, die Stellvertreterin der zweiten Personalchefin der Firma QQu, die unbedingt eine erste solche werden wollte, rollte sich ungeschickt herum und beschloss, allein und ohne fremde Hilfe vom Sicherheitsnetz herunterzuklettern – vielleicht brachte das ja noch ein paar zusätzliche Punkte bei einem solchen high risk adventure event.
Früher einmal waren Skifahren, Wandern und Klettern naturgemäß die sportlichen Hauptangebote eines alpenländischen Tourismuszentrums, früher, viel früher – doch mit solch abgestandenen Fortbewegungsarten konnte man die Jungen (das waren für den Kurort die unter sechzig) nicht mehr locken. Die Geschäfte der Agenturen, die so etwas anboten, liefen auf Grundeis. Der klassische Bergführer mit Knebelbart und langem Stock hatte längst ausgedient. In einem nächsten Schritt hatten sich abgehalfterte Sportgrößen über Rafting, Trekking und Base-Jumping hergemacht, doch auch solche Großmuttersportarten waren inzwischen out. Denn wie würde es sich in Barcelona beim Manager-Meeting ausnehmen, wenn man erzählte, dass man mit Rosi Mittermaier beim Slow-Walking Eichkätzchen gefüttert hätte? Uncool. Gut hingegen konnten sich auf dem Outdoor-Event-Markt workshop- begleitende, gefährlich anmutende Adventurespiele behaupten, und genau auf dieser Welle ritt die Münchener Incentive- und Eventagentur IMPOSSIBLE . Sie bot besonders ausgefallen Nervenkitzel für Extremtouristen an, im Programm standen: Nacktklettern, Steilwandpolo, historisches Berggehen, Wanderung mit ungeeignetem Schuhwerk, Lawinenhopping auf künstlichen Lawinenabgängen, Bergbahnsurfen, Weinverkostungen in reißendem Wildwasser, Hochgebirgslesungen, inszenierte Begegnungen mit Bären und Yetis und viele andere mondäne Verrücktheiten mehr, die sich hauptsächlich an ein verwöhntes Business-Publikum richteten.
Das Fremdenverkehrsamt des Kurortes war begeistert, zog man doch durch solche Aktivitäten ein neues, zahlungskräftiges Publikum an. Selbst Unfälle, die ab und zu passierten, warben indirekt für den Tourismus. In den Bergen geht es eben gefährlich zu, das ist das Wesen von beidem, der Wirtschaft und den Alpen. Und auch Bergsteigen ist eben kein Halma.
Frau Schmitz hatte hier an einer Tagung zum Thema Personalführung teilgenommen, einen Workshop mit dem Titel Unser Personal – unser Kapital besucht, was eine Umschreibung dafür war, wie man die luschigsten Luschen im Arbeitsleben schnell und ohne juristische Nachspiele wieder losbringt. (Oder, auf höheren Ebenen, auf Positionen hievt, wo sie keinen Schaden mehr anrichten können, die Luschen) Es wäre ein No-go gewesen, nicht an dem angegliederten Event „Ab in die Jungsteinzeit“ teilzunehmen. Kaum jemand konnte die Frage beantworten, was der tiefere Sinn von solchen teuren Spielen war, aber irgendwie hielt sich die von Arbeitspsychologen verbreitete These, dass sie teambildend seien.
Es hatte eine Einführung gegeben, man musste das Gebrüll eines gefährlichen Säbelzahntigers von dem eines ungefährlichen Mammuts unterscheiden, floh man vor dem zweiteren, gab es Punkteabzug. Bei einem adventure tötlich verletzt zu werden, gab ebenfalls Punkteabzug. Inwieweit dies in die wirkliche Personalbeurteilung einfloss, konnte niemand sagen, aber jemand, der dauernd abstürtzte, von Kannibalen aus Oberammergau in den Kochtopf gesteckt wurde, getötet, gehängt, gepfählt wurde wie Frau Schmitz, die Frau mit dem Lederhut, würde auch sicher nicht in den engeren Kreis der Personalmanager gewählt werden. So dachte sie sich das und sah sich schon wieder ohne Whirlpool in der Gosse sitzen. (Und das Mädchen mit dem Schakalsgesicht, ihre Hauptkonkurrentin in der Firma QQu, beugte sich zu ihr herunter, und flüsterte ihr eine Unverschämtheit ins Ohr)
Jetzt endlich kamen zwei Helfer der Agentur IMPOSSIBLE in grellen Westen den Weg herauf, der durch die Höllentalklamm führte.
„So, Frau Schmitz, sind wir wieder einmal tot?“
„Ja, scheint so“ sagte die klatschnasse Personalmanageranwärterin zerknirscht und ließ sich herausziehen. Eine Decke wurde ihr umgeworfen, einer der Helfer reichte ihr Tee und Traubenzucker.
„Das nächste Mal, Frau Schmitz, das nächste Mal, da klappt es bestimmt“
Man kannte sich, die Agentur IMPOSSIBLE hatte schon einige Events für die Firma QQu durchgeführt, die Personalabteilung stellte ihre Manager ausschließlich aufgrund der Ergebnisse der adventures ein.
Die Helfer mussten die durchgeweichte und abgestürzte Ilse die Höllentalklamm hinuntertragen, denn sie war barfuß und der Weg war vollkommen vereist. Im Jeep, der sie ins Hotel fuhr, schlief sie ein.
„Was hat der nächste Event für eine Gefahrenklasse?“ fragte einer der Helfer.
„Du meinst Auf den Spuren des Märchenkönigs“? Das ist Gefahrenklasse II, eine historische Wanderung zum Jagdschloss auf den Schachen – mit einem Schlitten, Zithermusik, frisch geschossenem Wildbret und einem Überraschungsgast.“
„Ich habe gehört, dass sie Pierre Brice engagiert haben.“
Der edle Wilde und Mädchenschwarm der auslaufenden Sechziger, Winnetou, der Häuptling der Apachen, war der Dauerbrenner in der Agentur.
Mit freundlicher Genehmigung des Autors Jörg Maurer
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